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Stand: 28.08.2015

Pressemitteilung

Der Kopf steuert, der Computer spricht

Eine Frau im Rollstuhl ist mit einem Begleiter auf dem Wochenmarkt unterwegs und kann mit Hilfe der Unterstützten Kommunikation ihre Wünsche äußern.

Kommunikation ist Teilhabe. Und wer nicht allein kommunizieren kann, braucht Unterstützung - auch in Form neuster Technologien. Von sprechenden Tasten bis hin zu komplexen Computern mit Augensteuerung: Digitale Assistenten helfen Menschen mit Beeinträchtigungen, am Leben teilzuhaben. Ein Besuch in einer Tagesförderstätte des Caritas-Förderzentrums St. Laurentius und Paulus in Landau.

Es ist 9.30 Uhr. Das Frühstück ist gerade beendet und es  herrscht Aufbruchsstimmung. Alle wollen auf den Markt in der Landauer Innenstadt. Wer die Tagesförderstätte in der Waffenstraße besucht, der hat sich vorab Gedanken darüber gemacht, was er einkaufen will. So wie Birgit Seibert. Sie hat sich die Sätze, die sie auf dem Markt sagen möchte, schon gebaut.

Birgit Seibert ist Mitte 40, sitzt im Rollstuhl und kann nur mithilfe ihres Sprachcomputers sprechen. Um diesen zu steuern, klebt auf ihrer Stirn ein kleiner, unscheinbarer Punkt. Das ist ihre Maus, mit der sie den Computer steuert. Verharrt der Punkt lange genug auf einem Symbol oder Buchstaben, dann registriert das ihr Bildschirm und bildet die gewünschten Sätze. Und noch mehr ist mit dem Gerät möglich: Birgit ist die Fotografin ihrer Gruppe. Geht es auf Ausflüge oder Feste, dann kann sie mit ihrem Bildschirm auch Bilder schießen. Und weil sie in ihrem Zimmer WLAN haben wollte, hat sie den Verantwortlichen so lange  E-Mails geschrieben - das ist mithilfe ihres Computers nämlich ebenfalls möglich -, bis sie bekam, was sie wollte.   

Eine Frau im Rollstuhl kauft mit einem Begleiter ein, mit Hilfe der unterstützten Kommunikation kann sie ihre Wünsche äußern.

Birgit Seibert zeigt nun den umherstehenden Gästen die Bilder des jüngsten Grillfestes. Dafür muss sie sich konzentrieren, denn allzu sehr mit dem Kopf wackeln darf sie nicht. Sonst erkennt das Gerät nicht, was Birgit gerade auswählt. Ihre Sätze, die sie gleich auf dem Markt aufsagen will, spielt sie zur Probe mal ab. Dazu stöpselt Heilerziehungspfleger Sebastian Reinhardt den Lautsprecher an den Computer, und schon kann Birgit sprechen: "Drei Mal Wurstsalat bitte", "Ich möchte gerne vier Orangen" und "Ich möchte gerne vier Äpfel." Birgit freut sich und lacht laut auf.

Claudia Kern arbeitet schon seit 10 Jahren in der Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation im Caritas-Förderzentrum St. Laurentius und Paulus in Landau. Seit 30 Jahren ist sie Ergotherapeutin, seit 10 Jahren auch Kommunikationspädagogin. Wer aufgrund einer angeborenen oder erworbenen Beeinträchtigung nicht mehr richtig sprechen kann, der kommt zu ihr. Viele ihrer Patienten sind nicht mehr in der Lage, sich ihrer Umwelt ausreichend mitzuteilen. "Man muss sich mal vorstellen, wie frustrierend das ist", sagt sie. "Diese Menschen sind oft darauf beschränkt, nur zu reagieren, haben aber nicht die Möglichkeit, von sich aus zu sprechen." In den vergangenen Jahren sei aber die Technik so weit vorangeschritten, dass heute beinahe jeder mit unterstützter Kommunikation versorgt werden kann. Das können ganz einfache kommunikative Hilfen sein, wie etwa sprechende Tasten. Mit ihnen können Nutzer Sätze aufnehmen und diese auf Knopfdruck immer wieder abspielen. "Ein Kind kann sich damit zum Beispiel selbst sein Lieblingseis bestellen", sagt Kern.

Zurück zur Tagesförderstätte in der Waffenstraße. Hier sitzt Patrick mit den anderen am Tisch. Er hatte einen schweren Schlaganfall, darunter leidet sein Kurzzeitgedächtnis noch heute. Er kann sich einfach nicht merken, was es mittags zu essen gibt. Dabei ist ihm das so wichtig. Da hilft ihm die sprechende Taste. Jeden Morgen nimmt Patrick einen Satz auf, etwa "Heute gibt es Hackbraten zum Mittagessen". Und jedes Mal, wenn er vergisst, drückt er auf den Knopf, die Taste spielt seinen Satz ab und Patrick ist glücklich. Nicht nur über den Hackbraten, sondern auch, weil er sich selbst helfen konnte.

"Selbstwirksamkeit ist ein ganz wichtiges Thema", sagt Claudia Kern von der Beratungsstelle. Wenn Leute mit Beeinträchtigung aus eigener Kraft etwas erreichen könnten, und sei es nur durch das einfache Drücken eines Knopfes,  sei die Freude oft groß.  Neben den einfachen Kommunikationshilfen gibt es noch die assistive Technologie. Das sind sehr komplexe Hilfen für Menschen, die etwa schwere Hirnschläge erlitten haben oder Kinder, die sich nicht beugen können. Ein Bildschirm mit einer Software, die mithilfe der Augen, durch das Drücken eines Knopfes oder einer Kopfmaus, wie Birgit Seibert eine hat, bedient werden kann. "Die Technik hat sich in diesem Bereich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt", sagt Claudia Kern. Früher habe es etwa die meisten Systeme nur auf Englisch gegeben, heute sei alles auf Deutsch erhältlich. "Aber natürlich muss jeder Nutzer den Umgang  mit solchen Hilfen erst einmal lernen", sagt Kern.

So wie Andreas Bosch. Er hat sein Gerät mit der Augensteuerung erst seit ein paar Monaten. Auch er besucht die Tagespflege in der Waffenstraße. Gerade spielt er mit seinem Bildschirm ein Puzzle. "Das mit den Augen zu steuern, ist ganz schön anstrengend. Andreas muss sich enorm konzentrieren, aber er macht das schon sehr gut", lobt Kern, während sie dabei zusieht, wie er Teil für Teil des Puzzles am Bildschirm zusammensetzt. "Wichtig ist es, für jeden Menschen mit Beeinträchtigung das für ihn passende Hilfsmittel zu finden", sagt die Kommunikationspädagogin. Für die Bedienung der Software brauche es zum Beispiel eine gewisse Merkfähigkeit. Und Nutzer der Augensteuerung müssten den Kopf still halten können. 

Mit ihren Bildschirmen im Gepäck gehen Andreas Bosch und Birgit Seibert dann auf den Markt. Sebastian Reinhardt begleitet sie. Zuerst an den Gemüse- und Obststand. Hier kennt man die beiden schon. Die Verkäuferinnen warten geduldig, Reinhardt stöpselt den Lautsprecher an und Birgit spult ihre Sätze ab. Am Ende hat sie Orangen, Äpfel und Kastanien in den Taschen, die an der Rückseite ihres Rollstuhls baumeln. Dann geht es zum Putenstand. Dort bestellt Birgit ihren Wurstsalat. Andreas bekommt auch welchen. Wenn Rückfragen kommen - etwa ob Birgit ihren Wurstsalat mit oder ohne Mayonnaise möchte -  wird es für sie schwierig, schnell zu antworten, weil sie Wort für Wort erst am Computer bilden muss. Dann hilft Reinhardt und fragt nach,  Birgit nickt oder schüttelt den Kopf.

"Hier zeigt sich natürlich, wo die Grenzen der heutigen Technik liegen", fasst Kern zusammen. Etwa, wenn Rückfragen kommen und das Antworten nicht schnell genug geht. Oder wenn der Lautsprecher vom Computer nicht richtig erkannt wird. Oder etwa, wenn es - wie an diesem Markttag - regnet und das Gerät zwischendurch immer wieder weggepackt werden muss. Und natürlich kann auch einfach mal der Akku leer sein. "Ansonsten sind diese Hilfen für die Menschen ein enormer Gewinn", sagt Kern.

Text: Corina Busalt / Fotos: Caritas-Förderzentrum St. Laurentius und Paulus / Caritasverband für die Diözese Speyer

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